125 Jahre LSK: Talkshow mit Zobel begeistert
Es war ein wunderbarer Auftakt für die Veranstaltungsreihe „125 Jahre LSK“. Rund 100 Gäste verfolgten am Donnerstagabend im überfüllten Theaterraum der Lüneburger Kulturbäckerei die Talkshow mit Rainer Zobel und Moderator Albrecht Breitschuh.
LSK-Vorsitzender Raphael Marquardt begrüßte das erwartungsfrohe Publikum. LSK-Vize Manfred Nitschke stellte das Talkduo vor: „Im Jubiläumsjahr wollten wir einen besonderen Gast einladen. Er sollte dreimal den Champions-League-Pokal gewonnen haben, dazu dreimal die Deutsche Meisterschaft und einmal den DFB-Pokal. Und er sollte beim LSK gespielt haben. Da gab es nur einen: Herzlich willkommen, Rainer Zobel!“

Zobel war der Fälscher vom Kaiser
Und die beiden auf dem Podium legten gleich munter los. Zobel erzählte, wie er einst beim FC Bayern München dem Zimmergenossen Franz Beckenbauer half, dessen Berge von Autogrammkarten mit Beckenbauer-Unterschrift zu versehen. „Von mir wollte ja keiner ein Autogramm, ich hatte Zeit. Ich konnte die Unterschrift vom Franz ganz gut. Aber das ist ja verjährt“, grinste der „Fälscher vom Kaiser“.
Überhaupt schwärmt Zobel von Beckenbauer. „Ein unglaublich netter und hilfsbereiter Mensch. Aber er konnte auch zornig werden – vor allem, wenn er selbst mal schlecht gespielte hatte, was vorkam.“
Zobel hatte bei den Bayern den Auftrag, den Kaiser hinten abzusichern, wenn der zu seinen eleganten Vorstößen ansetzte. „Ich habe meine Rolle schnell begriffen. Franz spielte, ich rannte. Deshalb hatte ich meinen Platz in dieser Mannschaft, die fast nur mit Nationalspielern besetzt war.“

„Otto Rehhagel hat richtig getreten“
NDR-Journalist Breitschuh, der das Gespräch mit viel Kompetenz und Witz leitete, wollte wisse: „War der Fußball früher brutaler?“ Zobel differenzierte: „Ich habe gegen Otto Rehhagel, Höttges, Piontek und andere gespielt – die haben richtig getreten, vor allem Otto. Heute wird raffinierter gefoult, da langt beim hohen Tempo schon eine kleine, gezielte Berührung.“
Überhaupt habe sich der Fußball geändert. „Früher wurde geraucht und getrunken, wir sind nach den Spielen durch die Discos gezogen. Damals gab es zum Glück keine Handy-Fotos. Heute haben die Profis besseren Rasen – aber nicht mehr die Kneipe.“
Posthum „Man of the Match“
Besonders ausgelassen war die Feier 1974 nach dem Europapokal-Sieg gegen Atlético de Madrid. „Wir hatten 4:0 gewonnen, ich habe mein bestes Spiel gemacht und das 3:0 von Gerd Müller vorbereitet“, erinnert sich Zobel. Richtig gefreut hat er sich, als er 2024, also 50 Jahre nach dem Triumph, bei einem Treffen der „Bayern-Legenden“ nachträglich als „Man of the Match“ geehrt wurde.
Zum erlesenen Kreis der „Bayern-Legenden“ zählt nicht jeder. „Da langt es nicht, wenn du dreimal Deutscher Meister wirst“, weiß Zobel. Da trifft er dann im Hotel Bayerischer Hof die großen Stars von einst. „Ich war erstaunt, dass Mark van Bommel und Giovane Elber Selfies mit mir wollten.“

Absage an den Bundestrainer
Noch legendärer wäre Zobel wohl geworden, hätte er nicht ein Angebot des Bundestrainers ausgeschlagen: „Helmut Schön wollte mich in den WM-Kader 1974 holen, weil ich zuvor in einem Spiel gegen den FC Santos gut gegen Weltstar Pelé gespielt hatte. Aber ich habe abgesagt, weil ich während der WM mein Abitur nachholen wollte.“ Der Bundestrainer habe seine berühmte Mütze gezogen und gesagt: „Respekt.“ Deutschland wurde Weltmeister – und Zobel Abiturient.
Der Ex-Profi erzählte in den ersten 45 Minuten des Talks viele weitere Bayern-Anekdoten. Die Zuhörer lauschten gebannt. Es gab viel Gelächter, viel Applaus. Dann war Halbzeit.
2,5 Millionen wollte HSV nicht zahlen
Nach der Pause ging’s von den Bayern zum LSK. Zu dem wechselte Zobel 1976 mit 28 Jahren. Warum, wollte Breitschuh wissen. „Die Bayern haben mir ein Angebot gemacht, das ich abgelehnt habe. Der HSV wollte mich haben, aber die festgeschriebene Ablöse von 2,5 Millionen Mark konnten sie nicht zahlen. Dann bin ich zum LSK gegangen.“
Warum gerade zum LSK, hakte Breitschuh nach. „Präsident Gerd Meyer-Eggers und Vizepräsident Dietrich Conrad kamen auf mich zu. Die waren beide sehr sympathisch und überzeugend. Da habe ich zugesagt.“ Zobel bedauerte sehr, dass Conrad jetzt nicht Publikum saß, weil er eine Bronchitis auskurieren muss.

1 Mark mehr für jeden Fan mehr
Zobel verdiente damals bei den Bayern bis zu 450.000 Mark pro Saison. Wie hat der LSK ihn bezahlt? „Ich bekam nur ein paar hundert Mark Grundgehalt. Aber ich habe sie gefragt, wie viele Zuschauer bisher zu den Spielen kamen. Es waren 500. Da haben wir vereinbart, dass ich für jeden Zuschauer mehr 1 Mark bekomme. Bald waren es aber 3000, 4000 und mehr Zuschauer…“
Die Fans erlebten mit Zobel, Wagner, Sievers & Co. den Aufstieg von der 5. in die 3. Liga mit. Eine goldene Ära!
Den Wechsel vom Weltklub FC Bayern zum Fünftligisten LSK hat Zobel nie bereut: „Wir hatten tolle Bedingungen beim LSK. Es wurde sich rührend um uns gekümmert. Das Stadion Wilschenbruch war phantastisch. Das hat mir richtig Spaß gemacht.“
„Das Professionelle gegen das Menschliche getauscht“
Den Fans, die in Massen strömten, machte es auch Riesenspaß. „1980 in Bergedorf beim entscheidenden Spiel um den Aufstieg hatten wir 10.000 Zuschauer, die meisten aus Lüneburg. Das war großartig! Nach dem Aufstieg habe ich mich genauso gefreut wie nach dem Europapokal-Sieg gegen Atlético.“
Rückblickend sagte Zobel: „Mit dem Wechsel zum LSK habe ich das Professionelle gegen das Menschliche getauscht.“
„Mit Rainer fühlte man sich sicher“
Manni Nitschke, damals Mitspieler von Zobel, erinnert sich: „Rainer hat uns nicht nur sportlich, sondern auch menschlich viel gegeben. Mit ihm fühlte man sich total sicher auf dem Platz. Wenn einer von uns gefoult wurde, hat er das im nächsten Zweikampf auch mal klargezogen. Rainer hatte überhaupt keine Allüren, war total beliebt im Team.“
Auch Zobels Ex-Teamkollegen Wolfgang „Tabi“ Bubolz, Alfred Warsitzka, Herbert Schröder, Roland „Bomber“ Ulbrich und Karsten „Schnecke“ Wagner saßen im Publikum.

„Rainer hat mich zusammengefaltet“
Wagner erinnert sich lachend: „Im Aufstiegsspiel gegen Neumünster, als ich mit 17 Jahren eingewechselt wurde, habe ich ja aus einem 1:3 ein 4:3 gemacht und war sehr selbstbewusst. Beim nächsten Training hat Rainer mich richtig zusammengefaltet: ,Du hast noch gar nichts erreicht!’ Ich dachte: Was willst Du denn? Ich habe Euch gerade den A… gerettet. Gesagt habe ich aber nichts. Heute weiß ich, dass er recht hatte.“
„LSK hat einen ausgezeichneten Vorstand“
Noch heute verfolgt der ehemalige Spieler und Trainer des LSK das Geschehen in Lüneburg aufmerksam. Zobel: „Ich war ja bei keinem Klub länger als beim LSK. Ich freue mich, dass der Verein heute einen ausgezeichneten Vorstand hat. Und ich wünsche mir, dass der LSK endlich ein Stadion bekommt. Denn am Beispiel der Volleyballer von der SVG Lüneburg sieht man, dass eine bessere Sportstätte wirtschaftlichen und sportlichen Erfolg bringt.“
„Ich möchte die Stadion-Einweihung noch erleben“
Das hat er Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch bei einem Treffen gesagt: „Ich bin jetzt 77 Jahre alt und wünsche mir, dass ich die Einweihung des Stadions noch erlebe. Das hat Frau Kalisch mir zugesagt.“
Riesenbeifall an dieser Stelle. Da sprach er den Zuhörern aus dem Herzen.
Ein schönes Schlusswort des Mannes, der als Spieler und Trainer die ganze Welt gesehen gesehen hat, den es aber immer wieder zu seinem zweiten Herzensverein LSK zurückzieht.
Wie gesagt, ein würdiger Auftakt für „125 Jahre LSK“. Ein Zuhörerin sprach aus, was viele empfanden: „Herr Zobel, vielen Dank für diesen schönen Abend!“
Text: Jürgen Poersch